kafi freitagComment

Was soll ich anziehen?

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Was soll ich anziehen?

Nicht, dass ich diese Frage nicht kennen würde. Ich stelle sie mir auch fast jeden Morgen. Die Frage ist nur, in welchem Kontext sie Thema ist. 

Als ich vor ein paar Wochen über den Dresscode des Alters geschrieben habe, ist mein Text auf ein sehr grosses Echo gestossen. Ich habe in den letzten 6 Jahren über 800 Blogartikel geschrieben aber keiner machte so Furore wie mein Manifest gegen das optische Verschwinden im Alter. 

Einige haben meinen Artikel falsch interpretiert und daraus gelesen, dass man auch im Alter auf Biegen und Brechen noch jugendlich gekleidet sein soll, ja muss. Aber die meisten haben den Text genau richtig gelesen und die Message ebenso verstanden: Es geht ums genaue Gegenteil. Ich will mich in jedem Alter genau so anziehen, wie es mir gefällt. Ich lasse mir keine Kleidungsstücke ein- und auch keine ausreden. Ich will immer genau das anziehen, wonach mir der Kopf steht. Ich will selber entscheiden.

Das habe ich schon immer so gehandhabt und es hat mir auch schon Ärger eingebrockt. Als ich noch im Private Banking einer Schweizer Grossbank gearbeitet habe, wurde ich zwei Mal zum Umziehen nach Hause geschickt. Mein Outfit entsprach nicht dem gängigen Bankdresscode. 

Heute stehe ich woanders. Ich bin selbstständig und es sagt mir niemand mehr, was ich tragen darf und was nicht. Aber stimmt das wirklich? 

Als ich kürzlich auf der Buchvernissage eines bekannten deutschen Künstlers war, eröffnete die Moderatorin (eine ehemalige Chefredakteurin eines Schweizer Frauenmagazins) das Gespräch mit einer entschuldigenden Aussage über ihre Frisur. Der Anlass drehte sich um die Illustrationen und das Buch des Künstlers, aber offensichtlich war der Moderatorin der Sitz der eigenen Haarpracht beinahe noch wichtiger. Oder war es nur eine ungeschickte Aussage, um die eigene Unsicherheit zu überspielen? Was auch immer es war, es war in meinen Augen reichlich deplatziert und unnötig. Und dennoch so verbreitet. 

Wir Frauen machen uns ständig Gedanken, wie wir ankommen. Egal ob ich es mit beruflichen Newcomerinnen zu tun habe, die ich in Coachings auf deren Weg begleite oder aber mit etablierten Geschäftsfrauen, die sich bereits einen Namen und sich selbstständig gemacht haben; die Frage nach der Kleiderwahl wird mir immer wieder gestellt. 

Bei jungen Frauen kann ich die Unsicherheit diesbezüglich gut verstehen, aber wenn ich nach einem telefonischen Vorgespräch für eine von mir moderierte Podiumsdiskussion von einer doppelt so etablierten und doppelt so erfolgreichen Frau als ich eine bin, gefragt werde, was sie an jenem Abend anziehen soll, dann wird mir schmerzlich bewusst, wie tief eingebettet die Unsicherheit über unser optisches Erscheinungsbild doch tatsächlich ist. 

Und es ist nicht nur unsere Schuld, wenn wir uns damit schwertun. Wir Frauen werden noch immer nach unserer Optik bewertet, unabhängig davon, ob wir nun an einem Bankschalter stehen oder deutsche Bundeskanzlerin sind. Es gibt im Netz sagenhafte 30'300'000 Google Treffer für die Frisur von Hillary Clinton. Und selbst wenn sie auch von den 81'100'000 die sich der Frisur von Donald Trump widmen geschlagen wird, der Unterton ist in der Bewertung von weiblicher Optik dennoch ein anderer. 

Wir Frauen müssen uns inhaltlich und optisch beweisen, wenn wir etwas erreichen wollen. So lese ich es ständig und ich anerkenne, dass man keinen Mann, der soeben zum jüngsten Aufsichtsrat Deutschlands aufgestiegen ist, als Allererstes fragen würde, was er am kommenden Tag anziehen wird. Bei einer Frau tut man das aber und selbst die von mir heiss geliebte DIE ZEIT lässt sich aufs Niveau herunter, die Hälfte eines Interviews mit einer solch interessanten Person um die Kleiderfrage drehen zu lassen und ihr noch indirekt zu unterstellen, dass sie eigentlich nur der Quote wegen gewählt wurde. 

Ich verstehe ja, dass es naheliegend ist, wenn man eine junge erfolgreiche Frau darauf anspricht, dass sie in Converse Turnschuhen zum Gespräch kommt und nicht im biederen Deuxpiece. Aber das Naheliegendste ist nicht immer das Intelligenteste. Low hanging fruits sind ohne grossen Aufwand zu pflücken, aber darf das Ziel eines solchen Artikels wirklich sein, keinen grossen Denkaufwand zu betreiben?

Wann immer ich einen öffentlichen Auftritt absolviere oder einen Abend moderiere, stehe ich vor der Kleiderfrage. Ich wähle dann immer ein Outfit, in dem ich mich möglichst wohl fühle und das meine Stimmung widerspiegelt. Wenn ich eine tragende Rolle übernehme und einen Abend energetisch wie inhaltlich massgeblich vorgebe, dann wähle ich fast immer meine Lieblingsturnschuhe. Die sind inzwischen schon abgetragen, aber ich mag sie dadurch nur noch lieber, schliesslich bin ich auch nicht makellos. 

Dabei mache ich mir keine Gedanken über den Anlass. Ich frage mich nie, was die Menschen im Publikum wohl anziehen werden und was der Dresscodes eines Anlasses ist. Mir ist bewusst, dass man mich weder meiner Figur wegen noch aufgrund meines korrekten Outfits bucht und bezahlt. Ich werde eingeladen, weil ich inhaltliche Relevanz habe und man meine Art, einen Anlass zu gestalten, mag. Warum sollte ich da den Fehler begehen, mich selber auf Textilien zu reduzieren? 

In den letzten Jahren habe ich einige sehr namhafte Anlässe gehostet, das Publikum war dabei meistens eleganter gekleidet als ich. Aber ich habe kein einziges Mal darüber reden müssen, was man von mir erwartet diesbezüglich. Nicht einmal hat man sich an meinen abgewetzten Turnschuhen gestört oder daran, dass ich mir offensichtlich keine allzu grossen Gedanken darüber mache, wie ich gekleidet bin. 

Natürlich bin ich mir bewusst darüber, dass der erste Eindruck zählt. Aber mir ist dabei die Energie jeweils bedeutend wichtiger, die ich in den Raum trage als der Stoff, der mich dabei umgibt. Und darum investiere ich konsequenterweise auch viel mehr Zeit in meine energetische Vorbereitung als in die meiner Optik. 

Die Frauen im Publikum sind besser gekleidet als die Moderatorin? Schlimm? Offensichtlich nicht so sehr...

Die Frauen im Publikum sind besser gekleidet als die Moderatorin? Schlimm? Offensichtlich nicht so sehr...

Nun gut, das Blüsli hätte man vielleicht noch bitz bügeln können, aber ich hatte echt keine Lust. 

Nun gut, das Blüsli hätte man vielleicht noch bitz bügeln können, aber ich hatte echt keine Lust. 

Ich bin ich, unabhängig davon, wer vor mir steht. Und darum muss ich mir auch keine Gedanken dazu machen, was "man" dort anzieht. Natürlich hat auch meine Garderobe eine Bandbreite von super casual bis festlich. Aber meine Tageslaune gibt vor, auf welcher Seite dieser Bandbreite ich mich bewegen will und nicht mein Gegenüber. 

Dass man mit seiner Kleidung auch dem Gegenüber Respekt zollt, ist sicherlich richtig. Aber wer meinen Respekt nicht erkennt und fühlt, nur weil ich mich nicht der gängigen Kleiderordnung unterwerfe, ist meines Respekts gar nicht würdig. 

Ich gebe selber vor, wofür ich stehen will. Mein Ziel ist es nicht die best dressed people des Abends zu sein. Ich will mit meinem Inhalt überzeugen und mit meiner persönlichen Art, mit Menschen umzugehen. Darum sabotiere ich mich nicht selber indem ich den Klamotten und der Frisur zuviel Aufmerksamkeit schenke. Es ist mir nicht so wichtig, optisch zu gefallen. 

Ich reduziere mich nicht selber auf das, auf was ich von anderen nicht reduziert werden möchte.