In Würde altern? No-Go!

Mir begegnen immer wieder Artikel, die sich dem Thema annehmen, wie man bitteschön zu altern hat. Nämlich in Würde. Und gerade heute morgen bin ich wieder so einem Artikel begegnet, in dem es darum geht, was Männer ab 35 einfach nicht mehr tragen dürfen. Überhaupt habe ich das Gefühl von Listen und Experten umgeben zu sein die mir vorschreiben, was ich tun darf und was nicht.

Kurze Röcke tragen, wenn man keine perfekten Beine hat oder über 45 ist? No-Go!
Zerrissene Jeans bei einer Erwachsenen? No-Go!
Kurze Hosen, wenn man Krampfadern hat? No-Go!
Mit Turnschuhen einen edlen Abend moderieren? No-Go!
Bauch zeigen, obwohl er von der Schwangerschaft zerschlissen ist? No-Go!

Man hat sich gefälligst adäquat zu kleiden! Und adäquat heisst hier: Makel werden nicht gezeigt, sondern versteckt! Unperfekte Beine bitte in lange Hosen oder Röcke hüllen. Einen Bauch voller Schwangerschaftsstreifen gehört in ein Badkleid, nicht in einen Bikini. Auf einem Podium trägt man hohe Schuhe. In einem gewissen Alter trägt man bitteschön Röcke und Kleider, die in Knienähe enden und nicht knapp unter dem Höschen. 

Büsihose: Monki, Schuhe: ASOS

Büsihose: Monki, Schuhe: ASOS

Anscheinend gibt es einen Kodex, was man in welchem Alter darf und was nicht mehr. Da ich das ab und an vergesse, habe ich liebe FacebookfreundInnen, die mich in regelmässigen Abständen daran erinnern. Die eine schreibt mir, dass ich mich gefälligst weiblicher zu kleiden habe, wenn ich ein Seminar gebe, eine andere schickt mir ein bearbeitetes Foto (von mir!) an mich zurück, bei dem sie den freilegenden Bauch weggeschnitten hat und mir dazu schreibt, so sehe es viel vorteilhafter aus. Und wenn ich in einem bunten Kimonokleid und unkonventioneller Hocksteckfrisur zum Opernball gehe, dann wird das danach sogar vom Schweizer Fernsehen kommentiert.

Frisürli: Selber gemacht in 5 Minuten. 

Frisürli: Selber gemacht in 5 Minuten. 

Kimono: Second Hand vom Chicago Store in Tokyo, Schuhe: Chie Mihara 

Kimono: Second Hand vom Chicago Store in Tokyo, Schuhe: Chie Mihara 

Wer definiert diese hirnrissigen Regeln und warum fühlen sich Menschen dazu ermuntert, andere ungefragt zu bewerten? Wie eng muss das eigene Denken wohl sein, wenn man nicht einmal mehr andern Menschen deren Freiheit lässt? Wie traurig ist das eigentlich?

Ich muss nicht immer vorteilhaft aussehen. Mein Bauch ist mein Bauch und der wird nicht weggeschnitten, nur weil er über den Hosenbund hängt und ein paar blaue Striemen hat. Und meine Weiblichkeit definiert sich nicht über die körpernahe Schnittform meiner Kleidung. Mich kümmert kein Dresscode und ich trage meine Turnschuhe dort, wo ich Lust dazu habe, und in unserem Seminar ermutigen wir die Frauen, zu sich und ihrem Körper zu stehen, anstatt sich für andere zu verleugnen. Wir vermitteln den Frauen einen liebevolleren und toleranteren Umgang mit sich selber und mit anderen. Den nur wer sich selber annehmen kann, kann andere so sein lassen, wie diese sind. 

Ich werde nicht in Würde altern!

Das Bild der vielzitierten Würde ist ein Korsett, in das ich mich nicht pressen lasse. Ich habe schon mit viel zu engen Konventionen zu kämpfen und die Gesellschaft schreibt mir schon viel zu oft vor, was geht und was nicht. Wenn ich mir jetzt auch noch vorschreiben lasse, wie ich mich zu kleiden und zu frisieren habe, nur damit sich andere in ihrem grau in grauen Weltbild und ihrem grau in grauem Vorstellungsvermögen nicht verletzt fühlen, dann kann ich mich auch gleich selber kastrieren und Trauer tragen.

Ich werde nicht in Würde altern!

Dieses Leben gehört mir und mein Körper gehört mir. Es ist meine heilige Pflicht, ihm Sorge zu tragen und ihn zu zelebrieren. Dazu gehört es, dass ich meine unperfekten Beine in die Sonne halte und den Bauch ab und an etwas frischem Wind aussetze. Ich lasse mir von niemandem vorschreiben, was ich darf und was nicht. Und ich werde es auch künftig nicht tun. 

Ich werde nicht in Würde altern!

Mich deprimiert die Mutlosigkeit, die mir aus all diesen No-Go-Listen entgegenschreit. Und mich deprimiert, dass man die Menschen nicht darin ermutigt, sich selber zu sein und ihren Stil zu leben. Mich deprimiert, dass man einem Fashioncode entsprechen muss und dass es Menschen gibt, die andere belächeln, weil sie die Hosenform vom vorletzten Jahr tragen. 

Wenn ich zu einem Modeshooting eingeladen werde und vorher angebe, dass ich eine 40 trage und dann dort nur Kleider in 36 und 38 hängen, dann frage ich mich, wer hier eigentlich wen verarscht. Und wenn man dicke Menschen heimlich fotografiert und sich dann im Netz darüber lustig macht, dann weiss ich ehrlich nicht mehr weiter. 

In unserer Gesellschaft zählt jung und dünn sein alles. Frauen schlucken reihenweise Appetitzügler und werden sportsüchtig, weil man nur mit einer gewissen Kleidergrösse gewisse Klamotten tragen darf. Wenn schon älter, dann wenigstens dünn genug, um ins Bild zu passen. Alte Menschen sind dann schön, wenn sie den Körper einer 30 jährigen haben, Brüste, die bis zur Taille lampen, passen da nicht in dieses Bild. 

Wann gelingt es uns endlich, uns von all diesen Regeln zu befreien. Wann lassen wir all diese engen Konventionen hinter uns und tragen das, wonach uns der Kopf steht? Wir Frauen führen einen täglichen Kampf gegen Sexismus und für unsere Stellung in der Gesellschaft. Sollten wir nicht damit anfangen, uns nicht mehr vorschreiben zu lassen, was in unserem Kleiderschrank hängen darf? Sollten wir nicht damit anfangen, uns in eine Richtung zu entwickeln, die darauf scheisst, was andere über uns und unser Aussehen denken? 

Ich werde nicht in Würde altern!

Wenn wir uns in unserer Kleidung und Körperform beschneiden, dann beschneiden wir auch unser Denken. Wenn wir einer klaren Vorstellung folgen, wie man sich als erwachsener oder alternder Mensch zu kleiden hat, dann folgen wir auch einer klaren Vorstellung, wie man sich zu fühlen und zu geben hat. Man hat gefälligst langsam von der Bildfläche zu verschwinden, indem man sich in gedecktere Farben und danach nur noch in Mausgrau hüllt. Sich gefälligst optisch zurücknehmen und dann zum passenden Zeitpunkt ganz abtreten. Das könnt Ihr gerne machen. Aber ohne mich. 

Wenn Ihr Eure Würde über Eure Körperform und die Länge Eurer Klamotten definieren wollt; nur zu! Aber bitte lasst mich damit in Ruhe. 

Ich werde nicht in Würde altern!