Eine Nacht am Giessbach

Es ist schon ganze 7 Jahre her, als ich das erste Mal am Giessbach und im Grandhotel war. Wie doch die Zeit vergeht!

Es war knapp vor Ende der langen Sommerferien, ich war frustriert, weil ich die ganzen 6 Wochen Zuhause gesessen hatte und man hatte mir geraten,  ein paar Tage im Grandhotel Giessbach am Brienzersee zu verbringen. Und das tat ich dann auch. Es waren nur 3 Nächte, aber ich fühlte mich danach, als wäre ich 2 Wochen in den Ferien gewesen. Seither liebe ich den Ort und wann immer ich kann, besuche ich den Bach für ein paar Nächte.

In den letzten Jahren habe ich immer wieder mal über das Hotel geschrieben und besonders misstrauische LeserInnen hatten den Verdacht, ich würde Schleichwerbung betreiben. Aber ich kann versichern, dass ich all meine Rechnungen wie alle andern Gäste beim Checkout bezahlt habe und das einzige Privileg darin bestanden hat, dass ich das Hotel einmal ganz für mich alleine hatte, als man mir vor der offiziellen Sasioneröffnung einen Schlüssel unter die Fussmatte legte. Aber auch diese Rechnung wurde ordentlich abgebucht und es war mir ein bisschen unheimlich, so mutterseelenallein dort zu schlafen...

Heute kennt mich niemand mehr im Haus. Die Direktion hat gewechselt und damit auch die ganze Belegschaft. Ich werde von einer sehr freundlichen Dame empfangen und als sie mich fragt, ob es mein erstes Mal im Hotel ist, verneine ich lächelnd.

Wenn man genügend Zeit hat, sollte man unbedingt mit dem öffentlichen Verkehr anreisen. Die Zugfahrt nach Interlaken und die Schifffahrt, die einem von dort über den türkisblauen Brienzersee direkt zur Schiffstation Giessbach und zur Standseilbahn aus dem Jahre 1879 bringt, ist atemberaubend. Wenn man nach diesen 3.5 Stunden (ab Züri) das Hotelzimmer bezieht, ist man schon schwer tiefenentspannt.

Diese Zeit habe ich aber diesmal leider nicht, darum fahre ich mit dem Auto die Strecke über den Brünig. Ich spare damit gut 2 Stunden Zeit pro Weg und habe noch die Gelegenheit, etwas davon beim Grümpel Sepp im Brocki zu verplempern.

20170613-IMG_3333.jpg

Das mache ich immer, wenn ich über den Pass fahre, es gehört für mich inzwischen dazu, dass ich zuerst durch das überladene ehemalige Bahnhofsgebäude spaziere und zusammenrechne, wie viel ich spare, wenn ich hier nichts kaufe. Die gesammelten Trouvaillen sind herrlich, aber mehr als ein Set angelaufenes Besteck kann ich mir leider nicht leisten. Insofern kann ich mit einem imaginären Vermögen ins Giessbach starten, was sich prima anfühlt, schliesslich ist das Hotel auch nicht ganz günstig.

So meine ich zumindest, als ich ankomme. Aber es hat sich einiges geändert, in den letzten 7 Jahren. Nicht nur die Leitung ist neu, offensichtlich auch die Marketingstrategie. Früher konnte man sein Zimmer nur über die Hotelhomepage buchen (inzwischen auch über diverse Bookingpages) und die saisonalen Angebote waren immer noch recht exklusiv. Inzwischen hat man das Angebot offensichtlich angepasst. Die Rate, die man neuerdings unter der Woche bezahlt ist wirklich attraktiv, ich würde jetzt zu gern 2 oder 3 Nächte bleiben, aber ich muss morgen schon wieder zurück sein, gopf!

20170612-IMG_2616.jpg

Ich buche ein Zimmer zur Waldseite, wo es ruhiger ist, als wenn man Richtung Giessbach schläft. Das Geräusch vom Wasserfall, der sich über 500 Meter von der Axalp in den Brienzersee stürzt, ist ohrenbetäubend. Allerdings nimmt man das Rauschen nicht als Lärm wahr, es ist spannend wie selektiv das Ohr und die Wahrnehmung diesbezüglich sind. Die gleiche Anzahl Dezibel würde in der Nähe einer Autobahnvermutlich in den Wahnsinn treiben.

Aber hier ist das Rauschen Teil der Magie. Der Giessbach ist ein Kraftort, es wurden hier angeblich 30'000 Boviseinheiten gemessen, ein hundskomuner Ort soll 6500 davon haben und alles was darüber liegt, Kraft und Energie verleihen. Daran kann man glauben, oder nicht. Aber wenn ich eine Weile am Bach gesessen habe, könnte ich Bäume ausreissen, noch Tage danach. Man kann sogar unter dem Bach hindurchgehen an zwei Stellen und wenn man dort seine Sorgen und Ängste dem stürzenden Wasser mitgibt, fühlt man sich danach sehr befreit.

Diese gute Energie spüre ich am Bach und auch im Hotel. Dieses wurde 1874 erbaut und ging dann gute 100 Jahre danach fast Pleite. Man wollte das Gebäude abreissen und durch einen modernen Betonklotz ersetzen, aber dem bekannten Umweltschützer Franz Weber ist es mithilfe einer Stiftung gelungen, das Hotel zu bewahren und zu sanieren.

Einige moderne Architekten mögen den Bau nicht und finden ihn kitschig. Aber ich habe eine Vorliebe für alte Grandhotels,  ich mag die Zimmer und die Einrichtung. Und die Tatsache, dass man etwas aus der Zeit gerissen wird, wenn man dort ist.

Man sollte unbedingt den Bikini einpacken, wenn es warm ist. Der Biopool ist ein wunderbarer Ort zum Nichtstun und ich habe diesmal sogar den Sprung in den Brinzersee gewagt, der niemals wärmer ist als 20 Grad und damit für mich genau richtig! 

 

Abends kann man zwischen zwei Restaurants wählen. Ich habe natürlich schon beide zu Genüge getestet und war bis anhin - und hier kommt mein einziger Wermutstropfen - nie ganz happy damit. Das Gourmetrestaurant Le Tapis Rouge ist wahnsinnig fein, aber für mich persönlich etwas zu teuer. Dort zu essen gönne ich mir alle Schaltjahre einmal, ich investiere das Geld lieber in eine weitere Übernachtung. Das Parkrestaurant ist preislich voll ok, aber trotzdem nicht ganz meins.

Würde das Hotel mir gehören, würde ich neben dem edlen Restaurant ein einfaches urchiges führen. Aber vermutlich liessen sich damit all die Gesellschaften, die hier Hochzeit oder Jubiläum feiern, nicht gewinnen. Damit kann ich gut leben. Ich bleibe auf der Barterrasse sitzen und esse dort mit Blick auf See und Bach aus der kleinen Barkarte einen feinen Burger mit Fleisch aus der Region und lese die Weltwoche, die man hier abonniert hat. Der Köppel huldigt darin den Freimaurern und ich huldige einmal mehr dem Privileg, unter der Woche verreisen zu können. 

20170612-IMG_3024.jpg

Nur eine letzte Sache plagt mich seit Jahren: Woher zum Teufel kommt all das Wasser und wie sieht es oben auf dem Plateau des Bergs aus? Ist dort eine saftige Wiese und ein Bergsee? So stelle ich es mir zumindest vor, aber ich habe es noch nie geschafft, bis ganz oben zu wandern und wenn kein Wunder geschieht, wird es dabei bleiben.

Für Wunder der kleineren Sorte liegt eine Drone im Kofferraum...

(Hemd und lange Hose by POPLIN PROJECT. Kurze Hose by Monki)