kafi freitagComment

Es wird schon nichts passieren

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Es wird schon nichts passieren

Diese Sommerferien habe ich einen Roadtrip durch Japan unternommen, ich bin in 7 Tagen über 1000 Kilometer gefahren, im Linksverkehr und mit dem Lenkrad rechts. Es waren bisweilen anstrengende Strecken, bei den 20 Minuten durchs nächtliche Shibuya und Roppongi Hills habe ich gefühlte 5 Kilo abgenommen und mental mehr gelitten, als bei den 10 Stunden von Kyoto nach Tokyo. Trotzdem ging alles glatt, der VOLVO blieb heil und wir auch... (Mehr darüber bald hier)

Die SMS neben dem Auto schreiben, nicht hinter dem Steuer.

Die SMS neben dem Auto schreiben, nicht hinter dem Steuer.

Nun bin ich seit ein paar Tagen zurück und gestern bin ich zum ersten Mal wieder in meinem vertrauten Auto gefahren, Winterthur retour, keine grosse Sache. Bis mir, auf der Kornhausbrücke im Feierabendverkehr, ein Fahrzeug ins Heck fuhr. Es war sehr laut und dennoch standen der Lärm und der Aufprall in keinem Verhältnis, erst später begriff ich, dass der tatsächliche Unfall ein Fahrzeug weiter hinten geschehen war und ich nur peripher touchiert wurde. 

In der Zeit, bis die Polizei die Unfallstelle gesichert und alle Beteiligten befragt hat, hatte ich viel Zeit zum Nachdenken und plötzlich wurde mir bewusst, was es bedeutet ein Fahrzeug zu fahren, welche genau solche Unfälle mithilfe des intelligenten City Safety Systems verhindert. Wie schnell ist man im Verkehr einmal abgelenkt, wie oft sehe ich Menschen, die am Steuer SMS schreiben oder sogar Videos auf dem Handy schauen. Mich schockiert es immer wieder aufs Neue, wenn ich auf der Autobahn einem Auto folge, dass in Schlangenlinien fährt und ich dann beim Überholen sehe, dass die Person am Steuer irgendwas am Handy macht, anstatt auf die Strasse zu schauen.

Und mich erstaunt immer wieder, dass es noch immer einem Kavaliersdelikt ähnlich akzeptiert zu sein scheint, nach ein paar Gläsern Wein ins Auto zu steigen, und heimzufahren. Wie oft habe ich mich schon unbeliebt gemacht, weil ich mich geweigert hatte, mitzufahren und stattdessen allein ein sauteures Taxi gerufen habe. Wie oft stellte man mich schon als eigen und obervorsichtig hin, weil ich auf dem Nachhauseweg von einem Brunch bei Freunden eine Familie mit Kleinkindern nicht mitfahren liess, weil ich kein Sitzli mehr im Auto habe. Wie schnell gilt man als bünzlig, weil man sich an all die Regeln hält, die uns im Verkehr vorgegeben werden?

Es wird schon nichts passieren, so höre ich dann. Es wird schon nichts passieren, sagt der Bekannte, der gern über Solidarität philosophiert und dann mit ein paar Gläsern Weisswein intus ins Auto steigt. Es wird schon nichts passieren, sagt die junge Familie und schichtet ihre 3 Kleinkinder über die Erwachsenen auf die Rückbank des Autos. Es wird schon nichts passieren, denkt die junge Frau und simst mit 120 auf der Autobahn ihrem Freund. 

Und ja, meistens passiert nichts.

Aber manchmal dann eben doch. Und dann sitzt du plötzlich zitternd am Strassenrand und wartest auf den Krankenwagen und die Polizei. Oder du hörst ein dumpfes Geräusch und schaust erschrocken vom Handy hoch und traust dich kaum nachzusehen, was genau du angefahren hast.

Meistens passiert nichts. Aber wenn es etwas passiert, wird es dein Leben und das Leben vieler andern für immer verändern. So wie es das Leben des jungen Paares veränderte, dessen Hochzeitsgäste auf dem Nachhauseweg von Solothurn nach Zürich auf der Autobahn verunfallten und starben. Und so wie es kein zurück gibt, wenn man sich ein einziges Mal in seiner „es wird, schon nichts passieren“ Statistik irrt. 

Es sind diese kleinen Momente, die so schnell passiert sind. Eine Viertelsekunde der Unachtsamkeit genügt und dein Wagen klebt im Heck des Autos davor oder das Kindergartenkind, das einem Ball auf die Strasse gefolgt ist, ist tot. 

Jedes Jahr geschehen in der Schweiz knapp 18’000 Verkehrsunfälle, bei denen Menschen verletzt werden. 240 davon überleben den Unfall nicht. Das ist etwas mehr als 1%. 

1% klingt nach wenig. Bis es Dein Kind, Deine Frau oder Dein Vater ist.