Roadtrip Japan

Roadtrip Japan

Es ist ja schon ein Weilchen her, seit ich meine Sommerferien in Japan verbrachte. Weil ich aber immer wieder auf meinen Roadtrip und aufs Autofahren in Japan angesprochen werde, habe ich beschlossen einen Blogpost darüber zu schreiben. 

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Ich liebe Japan und ich liebe die Japaner. Und nein, diese Begeisterung ist nicht immer gegenseitig. Ich bin viel zu laut, zu raumeinnehmend und forsch, aber sie lassen mich immer wieder rein, selber Schuld. Seit ich vor knapp 15 Jahren zum ersten Mal dort war, bin ich fasziniert vom Land, den Menschen und den zum Teil sehr kruden Gepflogenheiten. Bis anhin war ich nur mit dem Zug unterwegs, ein Erlebnis, das sich absolut lohnt. Wir Schweizer bilden uns ja gern etwas auf den öffentlichen Verkehr ein, aber wenn man erst einmal die Sauberkeit und Pünktlichkeit vom japanischen Schienenverkehr erlebt hat, relativiert sich vieles. 

Die Höflichkeit, mit der die Japaner in Einerkollonnen aufs Einsteigen warten oder die Tatsache, dass man selbst im vollsten Pendlerverkehr nie jemanden schwitzen sieht; in Tokio leben 9.5 Mio. Menschen auf engstem Raum zusammen und sind darauf trainiert, niemanden zu stören. 

Diesmal wollte ich etwas Neues wagen und mit dem Auto unterwegs sein, einen kleinen Roadtrip durch Japan unternehmen. Zum einen, weil ich wahnsinnig gern Auto fahre und zum anderen, weil ich ein Airbnb gebucht hatte, das man nur mit Auto erreichen kann. (Scho no geil, gell...)

Für diese Aussicht verlässt man gern die Komfortzone des Shinkansen... Airbnb in Minamizu

Für diese Aussicht verlässt man gern die Komfortzone des Shinkansen... Airbnb in Minamizu

Selbstverständlich kann man in Japan, wie überall anders auch, Autos mieten. Aber ich hatte gelesen, dass es ganz andere Autotypen sind, als wir sie kennen und man sich zuerst einmal mit der ungewohnten Anordnung des Armaturenbretts auseinandersetzen muss. Mir war klar, dass ich genug zu tun hätte mit dem Linksverkehr und darum habe ich meine Freunde von VOLVO Schweiz gebeten, mit den Kollegen in Japan Kontakt aufzunehmen und mir ein baugleiches Auto aufzutreiben, wie ich es hier fahre. 

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Ich hielt die Idee für glorreich und das war sie im Prinzip ja auch. Es ist in der Tat sehr unterstützend, wenn man die Features kennt und sich voll auf den gespiegelten Verkehr konzentrieren kann. Aber mir war nicht mehr bewusst, wie klein die meisten japanischen Autos sind und dass das sehr wohl einen guten Grund hat. Platz ist in Japan das wertvollste Gut, er ist rar und dementsprechend alles kleiner als bei uns. Der Wohnraum in Tokio ist winzig bemessen und darum findet man in Japan praktisch alles in zusammenklappbarer Version. Alles ist mini. So auch die Autos, sie wirken, als wären sie um ein Viertel geschrumpft. 

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Und dann komme ich mit diesem riesigen Teil von einem Auto... Der V90 ist auch für Schweizer Verhältnisse gross, aber in Japan bekommt er wirklich monströse Dimensionen. Ich habe die ersten Tage Blut und Wasser geschwitzt und mich im 5 Minuten Takt für diese bescheuerte Idee verflucht. Denn obwohl das Fahrzeug ja vollumfänglich versichert war, ein Schaden hätte ein grosses Problem bedeutet. Weniger für mich, ich konnte ja wieder abhauen, aber der Marketingverantwortliche hätte sein Gesicht verloren und es gibt für Japaner nichts schlimmeres als diese Art der Demütigung. Mit diesem Gewicht auf den Schultern nahmen wir das Fahrzeug in Empfang.

Die Mitarbeiter von VOLVO Japan verabschiedeten uns mit verkrampfter Lässigkeit. Nicht nur, dass sie uns nicht kannten und soeben ihr wertvollstes Baby aus dem Carpool übergeben hatten, ich hatte die ersten Minuten unseres Kennenlernens damit verbracht, mehrfach laut und deutlich "Muschi" zu sagen. Aber wie hätte ich auch wissen sollen, dass Japaner nicht imstande sind, VOLVO richtig auszusprechen und stattdessen Bobo sagen? Und nein, ich hätte nicht dreifach nachgefragt, ob sie mit "Bobo Switzerland" den unsäglichen DJ meinen, hätte ich die japanische Bedeutung von Bobo gekannt... 

Um uns schnellstmöglich loszuwerden, übergab man uns das Auto und winkte uns gequält hinterher. "Please drive left" war das letzte, was man uns hinterherschickte. Danach kreuzten wir 10 Tage lang herum. Tokio - Ito - Minamiizu - Osaka - Kyoto - Tokio.

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Hier lachen sie alle noch seelig...

Hier lachen sie alle noch seelig...

Falls Du auch planst, mit dem Auto in Japan unterwegs zu sein, habe ich ein paar Tipps für Dich gesammelt:

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Linskverkehr Japan
Ich hatte mich in unzähligen Blogs schlau gemacht, ob man es wagen soll, im japanischen Linksverkehr mit dem Auto unterwegs zu sein. Die Meinungen waren ungefähr 50/50 und gingen von: "nie wieder!" bis "easy, kein Problem". 
Ich habe einen halben Tag gebraucht, bis ich mich umgewöhnt habe. Es ist einfacher, wenn man nicht allzu viel nachdenkt, sondern einfach "macht". Dass ich in ein mir bekanntes Fahrzeug steigen konnte, hat es mir leichter gemacht. Aber auch nach 10 Tagen bin ich immer noch auf der falschen Seite des Wagens eingestiegen ;))
Der Verkehr in Japan ist bedeutend dichter als bei uns, logisch. Aber auch hier spürt man die höfliche Art der Japaner, es wird umsichtig und rücksichtsvoll gefahren. Dennoch ist der Verkehr in Tokio nicht ohne. Ich war heilfroh, dass mein Freund die erste Strecke Richtung Autobahn übernommen hat, ich vermute, ich wäre gestorben. Sobald man die Autobahn erreicht hat, wird es bedeutend einfacher. (Die letzte Strecke retour nach Tokio mussten wir Abends bei sehr dichtem Feierabendverkehr quer durch die Innenstadt Tokios fahren. Diese letzte halbe Stunde war auch nach 10 Tagen Roadtrip ein wahrer Höllenritt, wüki!)

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Führerausweis
Alle Führerausweise müssen ins Japanische übersetzt werden, bevor man losfährt. Die Übersetzung bekommt man ausschliesslich bei der Japan Automobile Federation (JAF). Der Vorgang ist nicht teuer, kostet aber Geduld. Es lohnt sich, wenn man frühzeitig am Tag hingeht, weil man die Dokumente sonst erst anderntags abholen kann. (Ausser man ist wie ich bitz beharrlicher, aber auch dann bitte freundlich und in gemässigtem Ton. Es gibt für Japaner nichts schlimmeres, als wenn man ausfällig wird. Mit Charme und einem freundlichen Lächeln kommt man in Japan - wie überall! - weiter.)

Nach 3 Stunden endlich im Besitz eines Führerscheins für Japan, geht doch!

Nach 3 Stunden endlich im Besitz eines Führerscheins für Japan, geht doch!

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Routenplanung
Unser Volvo hatte ein Navi in englisch. Dennoch waren wir dankbar, dass uns die Volvo Mitarbeiter alle geplanten Stationen vorab eingegeben haben. Die Adressen sind manchmal ziemlich tricky. Internationale Hotels sind grundsätzlich kein Problem, aber schon bei traditionellen japanischen Hotels (Ryokan) wird das Finden schwieriger. Wenn man sich hier helfen lassen kann, sollte man das unbedingt tun, es macht vieles einfacher. Schliesslich sind kleinere Orte nur auf japanisch beschriftet und man hat vielleicht keine Lust, Zeichen abzugleichen. Das gleiche gilt für die zeitliche Planung: Wir elenden Anfänger wären beinahe im grössten Verkehrsstau des Jahres gelandet, den es bei jedem wichtigen Feiertag gibt. Es lohnt sich, das vorab abzuklären, wenn man nicht 12 Stunden im Stau stehen will. (Bei uns waren es dann immerhin noch 5 Stunden, aber das gehört zu einem richtigen japanischen Roadtrip, hat man uns gesagt.)

Hier lässt man sich gern bitz guiden...

Hier lässt man sich gern bitz guiden...

Maut/Autobahngebühren
Auf japanischen Autobahnen fallen Mautgebühren an. Ähnlich wie in Italien passiert man immer wieder Mautstellen. Wie alles in Japan ist auch dies nicht günstig. Wir hatten das grosse Glück, eine ETC Karte zur Verfügung zu haben. Mit dieser fährt man unkompliziert und bargeldlos durch die Mautstellen und man hat einen preislichen Vorteil, weil man von einem Rabatt profitiert. Es soll nicht ganz einfach sein, als Ausländer an diese Karte zu kommen. Allerdings habe ich gelesen, dass einige Mietautoanbieter die Karte im Angebot haben. Wenn immer möglich, mit dieser Karte fahren. Vor dem ETC Schalter ist nie eine Schlange, man gewinnt viel Zeit. Unsere Strecke hat uns umgerechnet ungefähr CHF 150 gekostet. 

Raststätten
Viele Japaner = viele Raststätten. Und diese sind -wie alles in Japan - supersauber und toll ausgestattet. In den kleinen findet man einfache Suppenküchen, in den grossen auch noch Spielhallen und Souvenirshops. 

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CALPIS; mein absolutes Lieblingsgetränk. Unbedingt probieren. Bitz wie Rivella, aber VIEL feiner!

CALPIS; mein absolutes Lieblingsgetränk. Unbedingt probieren. Bitz wie Rivella, aber VIEL feiner!

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Safety
Der Verkehr ist wie gesagt sehr geordnet und darum nicht gefährlicher als bei uns. Dennoch gibt es auf der Autobahn ab und an Raser, die links überholen. (Im Linksverkehr wird ordnungsgemäss rechts überholt...). Die Tempolimiten sind sehr unklar. Auf der Autobahn sind nicht selten 80er oder 100er Schilder anzutreffen, Innerorts 30 oder 40 angegeben. Man hat uns zwar eingebläut, uns unbedingt an die Limiten zu halten, aber das haben wir selbstverständlich nicht getan, weiI wir sonst immer noch unterwegs wären. Ich habe lange recherchiert, aber keine verlässlichen Angaben finden können. Grundsätzlich habe ich mich an die Geschwindigkeit der breiten Masse gehalten und bin damit gut gefahren. Die Tempolimiten werden eher als Empfehlung verstanden und angeblich wird nur gebüsst, wer diese massiv ignoriert. Ich bin auf der Autobahn meistens zwischen 120 und 130 gefahren und wurde nie geblitzt. 

Man sollte sich vorab überlegen wen man kontaktiert, falls man einen Unfall oder eine Panne hat. Tatsache ist, dass Japaner kaum bis gar nicht englisch sprechen. Und das gilt auch für Polizisten. Darum unbedingt einen japanischen Kontakt bereithalten, der übersetzen kann, im Notfall ist man sonst mehr als aufgeschmissen. Sonst hat man wenig zu befürchten. Es gibt in Japan kaum Kriminalität oder Diebstahl. Man kann das Auto ohne Bedenken überall stehen lassen, Japaner haben grossen Respekt vor dem Besitz anderer Menschen. Nirgendwo anders auf der Welt sieht man so viele Menschen mit dem Portemonnaie in der Gesässtasche rumlaufen, selbst im dichtesten Grossstadtverkehr wird man in der Regel nicht beklaut. Im Bezug auf die persönliche Sicherheit ist Tokio die entspannteste Grossstadt! (Und das schreibe ich nicht nur, weil mir in Madrid grad das neue Iphone geklaut wurde...) Wenn man sich mal unsicher fühlt, dann nur, weil man die Regeln nicht kennt oder sich nicht easy verständigen kann, aber in Gefahr ist man nie. 

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Parken
Kann man in Parkhäusern und auf Parkplätzen. Unser V90CC hat uns diesbezüglich manchmal etwas gefordert, denn es sind ja nicht nur die Autos kleiner, sondern logischerweise auch die Parkplätze... Wir wären gern unterwegs am Meer mal gestoppt und hätten auf einem der vielen bewachten Parplätze gehalten, aber man wollte uns dort nicht haben und hat uns schroff weggeschickt. Unser Auto war wohl einfach zu riesig oder wir zu fremd. Oder beides... Europäische Touristen verirren sich kaum in die Provinz, dementsprechend wurden wir neugierig aber skeptisch behandelt. Bei Hotels kein Problem, aber bei Airbnb unbedingt nachfragen ob es einen PP gibt. Bei Ryokans sind die Parkplätze meist umsonst. In Tokio wie alles eher teuer. 

Und sogar V90CC friendly...

Und sogar V90CC friendly...

So geht's natürlich auch...

So geht's natürlich auch...

Irgendwann hab ich mich dann doch noch durchgesetzt, gopf!

Irgendwann hab ich mich dann doch noch durchgesetzt, gopf!

Fazit
Ob ich es wieder tun würde, willst Du wissen? Auf jeden Fall! Sobald man sich ausserhalb Tokios bewegen will, ist ein Roadtrip eine super Erfahrung! Aber beim nächsten Mal würde ich mir ein kleineres Auto leihen. Ich habe mich im V90 zwar unglaublich safe gefühlt und bin auch nach einer 11stündigen Fahrt entspannt ausgestiegen, aber mir ist in engen Strassen manchmal fast das Herz stehen geblieben und den Stress würde ich mir nicht mehr antun. Dank der 360Grad Kamera konnten wir das Auto heil durch jedes Nadelöhr manövrieren und dadurch in einem Stück zurückbringen, aber mit einem Kleinwagen ist man in Japan einfach flexibler unterwegs. Obwohl...

Obwohl... 

Obwohl... 

P.S. Ich habe den japanischen Marketingverantwortlichen, der meinetwegen vermutlich 10 schlaflose Nächste verbracht hat, ein paar Monate nach dem Raodtrip in Japan in Mailand wiedergesehen. Er hat mich mit den Worten begrüsst: No single scratch on the Car! You are always very welcome!" Uff...