Marrakech also.

Marrakech also.

Mein erstes Mal. Alle waren schon da, alle. Viele sogar schon mehrfach. Ich noch gar nie. Will auch hin! 

Auf der Webseite vom Riad BE Marrakech war ich schon so oft. Die Musik und die Bilder haben mich immer sofort eingelullt. Kann es dort wirklich so schön sein? Geht das überhaupt? Ich buche. Eine Woche. Endlich Zeit!

Als ich ankomme, sind es 24 Grad. Ich werde am Airport abgeholt und fahre in die Medina Marrakechs. Mo, einer der Besitzer des Riads führt mich durch enge verwinkelte Gassen. Ausser ein paar Katzen, die sich sonnen, ist hier nicht viel los. Dann biegen wir um eine Ecke, Graffitis an den Wänden und durch eine Tür hinein in diesen verzauberten Innenhof und ja gopf, die Wirklichkeit übertrifft sogar die Bilder auf der Website.

Das Riad BE Marrakech ist aus Liebe entstanden. Der Liebe zwischen Nicole und Marrakech und Nicole und Mo, ihrem marokkanischen Verlobten. Die beiden führen das Riad zusammen mit einer Horde sehr sympathischer junger Menschen und einer Köchin, die in ihrer gekachelten Küche üppiges Frühstück und auf Wunsch auch wunderbares Tajine zaubert. Und verzaubert fühlt man sich hier wirklich, das Haus katapultiert einen schon beim Eintreten in die Exotik von 1001 Nacht.

Es ist meine erste Begegnung mit einem Riad. Die Zimmer sind dunkler als erwartet und haben nur ein kleines Fenster zum Innenhof. Riad sind traditionelle marokkanische Familienhäuser und werden immer öfter auch als Gästehäuser und Hotels genutzt. Mich erinnert das Ganze an authentische Riokans in Japan, in denen man in Räumen übernachtet, die aus Papierwänden bestehen. Das Ambiente im Riad würde die Geburtenrate schon ankurbeln, aber eben; ringhörig.

 
 

Nichtsdestotrotz ist es das schönste Gasthaus, das ich jemals gesehen habe. Die Farben, die Muster! Diese Gegensätzlichkeit, die man erlebt, wenn man von den staubigen Gassen Marrakechs ins Riad zurückkommt und das Gefühl hat, in einer anderen Welt zu sein.

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Die Zwiespältigkeit wird mich in dieser Woche noch einige Male überfordern. Die Welt innerhalb des Gemäuers der Medina und die ausserhalb, scheinen in verschiedenen Epochen stattzufinden. In der einen sind die Frauen unter Kopftüchern und langen Gewändern versteckt, in der anderen shoppen sie bei Zara und H&M und man könnte sich in einer westlichen Grossstadt wähnen. Dazwischen liegt ein Gap, den ich als Touristin nicht richtig einordnen kann, den ich aber deutlich spüre. 

In meiner Woche bin ich nur einmal kurz in die Neustadt, aber der traditionelle Teil der Stadt fasziniert mich mehr und ich verbringe unzählige Stunden im Souk. Wenn man dort nicht binnen weniger Minuten von einem Töfflibub überfahren wird, ist es ein herrliches Einkaufserlebnis! Natürlich muss man feilschen. Aber ich gehe es komplett falsch an, mit einer zentraleuropäischen Ernsthaftigkeit, fast schon verbissen. So macht es keinen Spass mit ihnen Madam, sagt ein Händler und ich beginne zu begreifen, dass ein erfolgreicher Deal für ihn nicht der ist, wo ich am meisten Geld liegen lasse, sondern der, bei dem man am leidenschaftlichsten verhandelt hat. Die Verkäufer wollen Entertainment, Dramatik. 

Chasch ha baby! Ich verwerfe die Hände nun ebenfalls theatralisch, wenn ich das Startgebot höre. Es ist ein beinahe schon zärtlicher Akt des Seilziehens, bis man sich in der Mitte trifft und sich die Hand reicht. Bis dahin vergeht aber einiges an Zeit und man sollte besser nicht in den Souk gehen, wenn man davon nicht genügend mitbringt. Denn nicht nur das Feilschen ist zweitaufwendig, das Herausfinden aus dem Souk ist es auch! Alle Gassen, alle Shops sehen genau gleich aus, es ist ein einziges riesiges Labyrinth, aus dem ich alleine niemals herausgefunden hätte. Natürlich hatte ich das im Vorfeld überall gelesen, aber meine Überheblichkeit diesbezüglich, hat es mich dennoch nicht ganz ernst nehmen lassen. 

Gottlob hatte ich einen ortskundigen Guide an meiner Seite, der mich immer wieder ins Riad zurückgeführt hat. Ein grosses Roamingdatenpaket ist in Marrakech ein Muss und macht einen unabhängig von all den Jungs, die einem gegen ein angeblich kleines Entgelt nach Hause bringen wollen. Das kann ganz schön anstrengend sein und sobald es in der Medina eindunkelt bisweilen auch beklemmend, weil man wirklich keinerlei Kontrolle hat, ob man in die richtige Richtung gelotst wird. Das ständige angequatscht werden kann einen mit der Zeit nerven, mich hat es auch das manchmal auch. Aber gleichzeitig kann man nicht die geheimnisvolle Exotik eines fremden Landes und die schönen Märkte loben und die andere Seite der Medaille verfluchen.

 
 

Ich kenne Frauen, die alleine nach Marrakech reisen und damit gute Erfahrungen gemacht haben. Für mich persönlich wäre es ein Spiel mit dem Feuer. Der Mitarbeiter meines Riads, der mit mir durch die Strassen zog, wusste, wo man am besten isst oder einen Apéro bei Sonnenuntergang nehmen kann. In Marrakech ist das keine so leichte Aufgabe, die Alkohollizenzen werden sehr spärlich vergeben und es kann gut sein, dass ein Lokal, welches in der einen Woche noch Drinks servieren durfte, in der nächsten bereits keinen Alk mehr auf der Karte haben darf. Als ich in Marrakech war, hatte lediglich eine Bar die Lizenz und die war dementsprechend gut besucht...

Apéro ist das eine, aber Essen für mich fast noch wichtiger! Und kochen können sie, die Marokkaner, gopf! Es gibt viele tolle Restaurants, in meinem liebsten, dem Nomad sitzt man auf einer der schönsten Terrassen der Stadt und man vergisst schnell, dass man zum Znacht nur Wasser oder Tee trinkt. Spätestens dann, wenn man zum Nachtisch Dattelkuchen mit Safraneis serviert bekommt, ist man Marrakech verfallen!

Nach ein paar Tagen in der Stadt ist man reif für etwas Ruhe und Abstand. Man kann sich eine kleine Auszeit in einem der unzähligen Hamam Spas der Stadt gönnen (Nicole vom BE Marrakech kennt die Allerbesten und übernimmt gerne die Buchung) oder eine grössere ausserhalb. Diese findet man in 45 Minuten Autodistanz in der Steinwüste im "La Pause". Bereits die Anfahrt hat etwas Unwirkliches, man biegt auf einmal von einer Strasse auf einen Kiesweg und ein paar Minuten später wähnt man sich in einer anderen Welt. Das "La Pause" hält, was es verspricht. Es zwingt einen zur Pause, spätestens dann wenn man realisiert, dass das Handy keinen Akku mehr hat und es keinen Strom zum Aufladen gibt. Der Ort ist eine Oase inmitten der kargen Steinwüste und entschleunigt in kürzester Zeit. Die meisten Besucher bleiben hier zwei Nächte, bevor sie Marokko wieder verlassen und so mache auch ich es.

Tagsüber kann man Touri-Sachen machen wie Kamelreiten oder mit dem Quad durch die Wüste heizen und all das Zeugs, was Bachelorkandidatinnen glücklich macht. Oder aber man macht einfach gar nichts und hängt am Pool oder liegt auf dem Hügel auf einer Liege und schaut über die Dünen. Alles ist hier lokal verwurzelt. Der Besitzer des Hotels hat im angrenzenden Ort eine Schule gebaut und kauft alles, was möglich ist, regional ein. Die Köchinnen sind keine gelernten Profis, sondern Frauen, die hier das Gleiche kochen, wie sie es zu Hause tun. Ein unaufgeregter Ort, der nicht ganz günstig ist und einen gleichzeitig zum Verzicht zwingt. Was wir uns in der Schweiz kaum vorstellen können, funktioniert hier ganz ohne Werbung.

 
 

Das La Pause ist das ganze Jahr geöffnet und das ganze Jahr über gut gebucht. Als ich dort bin, ist es tagsüber mild und nachts recht kalt, ich stehe in der Nacht drei Mal auf und lege im Holzofen Scheite nach. Ein paar Lehmhäuser weiter nächtigt der Herrscher eines reichen afrikanischen Kleinstaats und macht es vermutlich genau so. Wer Entertainment und Komfort sucht, wird hier nicht glücklich werden. Wer es aber schätzt Mal wieder den eigenen Gedanken lauschen zu können, schon! Man kann auch ohne Übernachtung für einen romantischen Znacht in die Wüste fahren und den Tag bei einem fantastischen Sonnenuntergang ausklingen lassen.

Danach rollt man relaxt mit Koffern voller wunderschöner Mitbringsel und Erinnerungen wieder in Richtung Flughafen. So auch ich. Aber ich habe dabei nicht nur an mich gedacht, sondern auch an Euch! Die allerschönsten Teile, die ich in diesen Tagen zu Gesicht bekam, habe ich für Euch eingepackt. So kann man sich ein Stück der marokkanischen Metropole in die eigene Stube holen oder die Zeit bis zum nächsten Urlaub überbrücken. 


Marrakech bleibt haften. Eine unvergessliche Stadt, die sich mit keiner anderen vergleichen lässt. Ich werde wiederkommen, so viel ist sicher. 

(Ach und noch öppis: Wer sich nur in positiver Weise noch Wochen später daran erinnern möchte, trinkt besser kein Leitungswasser und hat Kohletabletten im Reisegepäck.)

Mit Liebe! Deine